Uniklinik Dresden

Nachgefragt im UKD- Ossilinchen trifft Frau Tennstedt- eine Mitarbeiterin mit Beeinträchtigung

Sind wir ehrlich, jeder kennt Stellenanzeigen, in denen aufgefordert wird, dass Menschen mit Beeinträchtigungen bevorzugt eingestellt werden und herzlich zur Bewerbung aufgerufen werden.
Die wenigsten glauben diese Aussagen, halten sie nur für eine Floskel… aber warum eigentlich?
Es spricht ja schließlich nichts dagegen jemandem im Team zu haben, der eine Beeinträchtigung hat. Gerade das UKD ist so groß, dass es doch da genug Möglichkeiten geben sollte.
Damit ich genau zu diesem Thema mehr erfahre, habe ich mich heute mit Anna- Maria Tennstedt getroffen.

Sie hat eine Gehbeeinträchtigung, sitzt seit 5 Jahren im Rollstuhl und arbeitet als studentische Hilfskraft im UKD. Trotz ihrer Beeinträchtigung übt sie ihre Tätigkeit im Haus hervorragend und gern aus.


Ich war selber sehr neugierig, was das heutige Gespräch anging, denn ich kenne ja den pflegerischen Ablauf auf Station und war daher sehr gespannt, was Anna-Maria aus ihrer Sicht berichten kann. Natürlich unterscheiden sich Ihre und meine Aufgabengebiete, dennoch geht es ja auch ineinander über.


Daher habe ich ihr ein paar Fragen gestellt, die mich brennend interessieren und die ihre Aufgaben bei uns am UKD gut und verständlich rüber bringen. Vielleicht gibt es ja aber auch das ein oder andere aus ihrer Sicht, was man verbessern könnte. 🙂

Liebe Anna- Maria, was genau sind denn deine Tätigkeiten hier im UKD?

Anna- Maria: Zu Beginn meiner Anstellung im UKD war ich Sitzwache/ studentische Hilfskraft, ausschließlich im Nachtdienst. Nun bin ich als studentische Hilfskraft angestellt und unterstütze das Pflegepersonal im Stationsalltag.

Seit wann übst du deine Tätigkeit im Hause aus?

Anna- Maria: Ich bin nun seit 3 1/2 Jahren im UKD tätig.

Wie kam es denn dazu, dass du dich hier im Hause beworben hast?

Anna- Maria: Ich habe Medizin studiert, studiere nun Psychologie und wollte einen Einblick auf Station bekommen, den man als Medizinstudent nicht bekommt. Die Pflege und die Ärzte arbeiten Hand in Hand und daher war es mir wichtig, auch mal die andere Seite kennenzulernen. Natürlich war auch der Zuverdienst ein Grund. Das Studium ist schließlich lang und teuer 🙂

Gibt es hauptsächliche Einsatzorte oder bist du in sämtlichen Bereichen unterwegs?

Anna- Maria: Das läuft wie bei dir im Pool, da wo Not am Mann ist, werde ich eingesetzt. Das war eine Zeit lang die Notaufnahme, aktuell sind es viel die chirurgischen Stationen aber generell kann man sagen, dass ich überall eingesetzt werden kann.

Wie sieht es mit der Dienstplan Gestaltung aus?

Anna- Maria: Da ich studentische Hilfskraft bin gehe ich den einen Monat 5 Tage arbeiten, den anderen Monat 6 Tage. Wie jeder andere in der Pflege kann ich bis zu einem gewissen Datum meine Dienstplanwünsche abgeben und arbeite dann je nach Plan im Früh-, Spät- und Nachtdienst.

Nun möchte ich dir nicht zu nahe treten aber du sitzt im Rollstuhl. Wie genau darf ich mir dein Aufgabengebiet bzw. deine Arbeit vorstellen?

Anna- Maria: Ich mache alles, was eine Schwester auch macht, pflegerisch gesehen. Medikamente aufziehen, setzen, kontrollieren und verabreichen darf ich nicht. Aber alles was mit der Pflege zu tun hat, das ist mein Aufgabengebiet. Pflegen, Unterstützen bei der Körperpflege, Betten beziehen, Transfer/ Lagerung der Patienten, Putzen, auffüllen usw.

Gibt es in irgendeiner Art und Weise Beeinträchtigungen im Job, gibt es in den Bereichen engstellen, wo du schwer durch kommst oder gibt es manchmal Probleme mit der Akzeptanz?

Anna- Maria: In manchen Bereichen sind die Gänge schon etwas eng und ich hatte anfangs Probleme mit dem Rollstuhl durch zu kommen. Aber man entwickelt mit der Zeit Techniken und Ideen, wie man das Ganze gut gemeistert bekommt.

Nun habe ich das Thema Akzeptanz schon angesprochen… Wie läuft es mit den Kollegen, wie wirst du im Team aufgenommen?

Anna- Maria: Mittlerweile sehr gut aber es wäre gelogen zu sagen, dass mich jeder von Anfang an gut aufgenommen hat. Manche Stationen haben mich selbst für einen Patienten gehalten. Da habe ich dann schon immer versucht mich mit Namensschild erkenntlich zu zeigen. Natürlich gab es da sicherlich auch die ein oder anderen, die vielleicht am Anfang mit Vorurteilen ran gegangen sind. Aber die konnte ich dann mit dem überzeugen, was ich kann. Schließlich bringt es keinem etwas, wenn ich mehr Hilfe als ein Patient brauche. Durch mein damaliges Pflegepraktikum habe ich mir Kniffe und Tricks beigebracht, die mir jetzt in meiner täglichen Arbeit helfen, die Patienten noch besser versorgen zu können.

Mittlerweile habe ich kaum noch Probleme, die Kollegen kennen mich, wissen wie es ist mit mir zu arbeiten und empfangen mich offen und freudig.

Wichtig ist mir auch zu sagen, dass ich kein falsches Mitleid möchte.

Gibt es aus deiner Sicht irgendwo Verbesserungspotential? Kann man dir deine Arbeit in irgendeiner Art und Weise erleichtern?

Anna- Maria: Unbedingt beibehalten sollte man, dass gerade bei Neueinstellungen die Poolkoordinatoren die Info an die Bereiche weiter geben, dass ein Mitarbeiter mit einer Beeinträchtigung kommt. Denn so erspart man sich komische Blicke und Sprüche, wenn die Station von Anfang an weiß, „was sie erwartet“.

Allerdings sind nicht alle Zugänge zur Wäsche barrierefrei oder so gestaltet, dass man mit dem Rollstuhl problemlos rein und/oder raus kommt. Da gibt es Verbesserungspotential.

Leider denken auch viele Menschen immer noch, dass ich meinen Job nur habe, weil ich im Rollstuhl sitze oder dass ich bevorzugt werde. Dem ist natürlich nicht so. Ich habe mich ganz normal wie jeder andere auf den Job beworben und werde auch so nicht bevorzugt.


Ich muss wirklich sagen, dass ich Anna- Maria als sehr starke aber auch lustige und liebe Kollegin kennengelernt habe. Wenn ich mir so vorstelle, was sie auf Arbeit leistet und das auch gerne macht, dann Hut ab! Ihre Einstellung ist so positiv und ich bewundere, wie sie mit negativ aufkommenden Sprüchen umgegangen ist. Anstatt darüber traurig zu sein hat sie sich einfach vorgenommen, den KollegInnen zu zeigen, was sie kann und was sie drauf hat. Bewundernswert, schließlich kostet all das auch Kraft!
Schon allein der Punkt, dass sie mit den Patienten auf Augenhöhe sprechen kann, hat mich zum nachdenken gebracht, denn sie hat Recht! Der Patient liegt häufig im Bett oder sitzt am Bettrand. Oft steht die Schwester dann daneben, wenn sie mit dem Patienten spricht. Anna- Maria sitzt in ihrem Rollstuhl daneben und sie hat Recht damit, wenn sie sagt, dass sie auf Augenhöhe mit den Patienten kommuniziert.

Heutzutage gibt es auch für Menschen mit Beeinträchtigungen so viele Möglichkeiten im Job voran zu kommen. Ganz stark finde ich folgende Aussage von Anna- Maria: „Wenn durch den Beitrag auch nur einer da draußen mit einer Beeinträchtigung motiviert wird sich zu bewerben, dann ist das mehr als gut.“
Da muss ich ihr auch zustimmen, denn wie sie mir auch schon schilderte denken viele Menschen beispielsweise mit Rollstuhl, dass man nichts schaffen kann, nichts mehr Wert ist. Aber genau so ist es nicht!
Auch unsere PDL Frau Weigelt sprach darüber, dass sich in der Arbeitswelt so viel verändert. Gerade durch Corona sind Arbeitsplätze in sitzender Tätigkeit entstanden, von denen man nie gedacht hätte, dass das möglich ist. Es gibt heutzutage kaum eine Arbeit, aus der ein Mensch im Rollstuhl ausgeschlossen ist, selbst Führungspositionen nicht.


Anna- Maria hat durch ihren Berufsweg auch Einblicke in andere Arbeitgeber erhalten. Ich wollte wissen, warum sie so gern am UKD arbeitet und so sprach ich sie offen darauf an.
Sie empfand es schon bei ihrer Bewerbung als sehr positiv, dass ihre Bewerbung nicht sofort abgelehnt wurde. Auch bei den Gesprächen wurde sie immer herzlich und offen empfangen. Wenn es wirklich mal Probleme gibt, dann gibt es im UKD eine Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte (Frau Heike Vogelbusch), die einen unterstützt. Generell empfindet sie die Akzeptanz, die Integration ins Team und den Respekt deutlich höher, als woanders.


Natürlich hat mich auch ihre berufliche Zukunft sehr interessiert. Ich wollte wissen, wo sie denn gerne künftig arbeiten möchte und ob sie sich das UKD weiter als Arbeitgeber nach ihrem Studium vorstellen kann. Ihre Antwort war grinsend „JA!“
Den Bereich der Psychoonkologie kann sie sich sehr gut vorstellen. Passt meiner Meinung nach in vielen Aspekten. Zum einen ist das die Kommunikation auf Augenhöhe, die sie weiter oben schon beschrieben hatte. Zum anderen hat sie nach Beendigung ihres Studiums auch einfach die Fachexpertise. Zudem bin ich der Meinung, dass die Patienten einfach eine psychoonkologische Betreuung brauchen. Das Angebot gibt es zwar im UKD, allerdings könnte man das meiner Meinung nach gern ausbauen 🙂


Das sie ihre Arbeit zur vollsten Zufriedenheit ausübt, das zeigen mir auch die Rückmeldungen unserer KollegInnen, von denen ich 2 mal rausgepickt habe!

Hier darf ich den Namen erwähnen- Pfleger Steve aus der KNA

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: